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Labor oder Wearable, das ist hier die Frage: woher weiss ich, ob meine VO2max stimmt?

Eine Uhr misst die VO2max nicht, sie schätzt sie. Warum diese Schätzung im Breitensport erstaunlich gut trifft – und ausgerechnet bei den Besten danebenliegt.

Fabian Kremser
Fabian Kremser
· 5 min Lesezeit
Labor oder Wearable, das ist hier die Frage: woher weiss ich, ob meine VO2max stimmt?

TL;DR: Sportuhren und -Wearables können anhand Körperdaten wie Grösse, Alter, Gewicht und Aktivität die VO2max abschätzen. Dieser Wert ist allerdings nicht so wichtig, wie viele glauben. Ausserdem können die berechneten Werte von den tatsächlichen beträchtlich abweichen: je trainierter eine Athletin oder ein Athlet, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass die Uhren falsch liegen.

«Die VO2max ist der wichtigste Indikator für die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit».

Diese Aussage ist unterdessen so weit verbreitet, dass sie gerne als Tatsache akzeptiert wird. Damit kommt sie auf unser Radar, denn bei obseed fragen wir gerne einmal: ist das wirklich so? Und: welchem Wert kann man trauen?

Hier müssen wir einen kleinen Umweg machen und uns erst einmal darüber unterhalten, was diese VO2max überhaupt ist. Anschliessend können wir beginnen, Fragen zu stellen.

Ganz allgemein findet man folgende Aussage: «Die VO2max ist die maximale Menge an Sauerstoff, die unter Belastung im Körper aufgenommen werden kann».

Schon in diesem einfachen Satz verbergen sich zwei Dinge von grosser Relevanz: zum einen das Wörtchen «aufgenommen», zum anderen die Aussage «maximal».

Meistens wird die VO2max in einer zweistelligen Zahl angegeben, manchmal mit einer Kommastelle, was z.B. in einer Sportuhr dann so aussieht:

VO2max Rad: 55.0

Das bedeutet, dass der betreffende Körper in der Lage ist, maximal 55 Milliliter Sauerstoff pro Minute pro Kilogramm Körpergewicht aufzunehmen. Es handelt sich also um einen sogenannten «relativen» Wert, der – und das ist die schlechte Nachricht – leider sehr wenig über die tatsächliche Leistungsfähigkeit aussagt.

Hier kommen nämlich zwei sehr wichtige Fragen auf: Wenn wir von «aufnehmen» sprechen: WOHER kommt dieser Wert? Und WOHIN geht dieser Sauerstoff?

In den Sportuhren wird er in der Regel ganz einfach berechnet. Dazu gibt es ein paar Methoden, entweder über die maximale Herzfrequenz oder dann über Daten, die eine Uhr aufzeichnet. In die Berechnung fliessen nebst der Herzfrequenz auch das Alter, die Grösse und das Gewicht.

Der relative VO2max-Wert in einer Uhr ist also das Ergebnis einer Berechnung, das anschliessend einer Vergleichsgruppe zugeordnet und entsprechend bewertet wird.

Das erklärt jedoch noch nicht, was genau passiert – und wohin dieser Sauerstoff am Ende aufgenommen wird.

Rechnen wir einmal zurück: sprechen wir von Millilitern pro Minute pro Kilogramm Körpergewicht als relatives Maximum, können wir theoretisch ausrechnen, was das Absolute ist. Ganz einfach, indem wir den Wert mit dem Körpergewicht multiplizieren. Nehmen wir für das Beispiel einen Athleten von 70kg:

VO2max relativ: 55.0 ml/min/kg

VO2max absolut: (55.0 x 70.0) = 3850 ml/min oder 3,85 Liter/min

Das erklärt noch nicht, wohin der Sauerstoff aufgenommen wird. Dieser Punkt ist von grosser Bedeutung.

Kurz und knapp: wir reden hier vom Sauerstoff, der in der aktiv an der Bewegung beteiligten Muskulatur ankommt und dort aufgenommen werden kann.

(Randnotiz: aus diesem Grund gibt es hier unterschiedliche Werte. Nur schon zwischen Rad fahren und Laufen unterscheidet sich die Menge an beteiligter Muskulatur nämlich. Es gibt also nicht eine VO2max, sondern genau genommen eine pro Sportart.)

Noch etwas genauer handelt es sich hier also um ein Zusammenspiel aus Lunge (Zulieferung), Blutkreislauf (Transportbahn), Herz («Motor» der Transportbahn) und aktiver Muskulatur («Verbraucher»).

Ist nun mehr = besser?

Das lässt sich pauschal so nicht sagen, denn viel wichtiger als die relative Menge an Sauerstoff ist die Absolute. Diese zeigt nämlich an, wie viel Muskulatur überhaupt Sauerstoff aufnehmen kann. Und genau in diesem Bereich kommt die Funktion ins Spiel, denn ansonsten wären alle Bodybuilder absolute Ausdauerspezialisten. Diese Funktion bestimmt, wie viel Sauerstoff gesamt für die Bewegung aufgenommen werden kann. Und erst recht, wie er verwertet wird, was nochmals ein ganz eigenes Thema für sich ist.

Wird der Wert hingegen anhand der erwähnten Parameter im relativen berechnet, kann es durchaus sein, dass er sich weit ab von der Realität bewegt.

Hier drängt sich nun eine weitere, wichtige Frage auf: ist das schlimm?

Einfach gesagt: nein, nicht unbedingt. Es ist jedoch ratsam, allgemein einen Blick auf die Werte zu behalten, denn wie sie sich verhalten, kann ein Zeichen dafür sein, ob sie im Rahmen der Realität liegen oder nicht.

Faktor 1: Das Verhalten der VO2max

Wie erwähnt gibt es nicht die VO2max. Sie ist ein Wert, der direkt von der an der Bewegung beteiligten Menge an funktioneller Muskulatur abhängig ist. Diesen Faden können wir noch weiterziehen: das erklärt auch, warum auch in Laboren teilweise von Tag zu Tag verschiedene Werte gemessen werden.

Ist ein System ermüdet, arbeiten nicht mehr alle Muskeln gleich. Was heisst, dass sowohl weniger Sauerstoff aufgenommen als auch verarbeitet werden kann. Das Ergebnis liegt auf der Hand: die maximale Menge an Sauerstoff, die im System für die Bewegung verwendet werden kann, variiert je nach Tageszeit, Ermüdung, Vorbelastung sowie der allgemeinen Koordination und der Fähigkeit, möglichst viele Muskeln zu rekrutieren.

Zeigt uns ein Gerät oder die dazugehörige App also eine VO2max an, die sich hin und wieder verändert, ist das ein gutes Zeichen und ein Hinweis darauf, dass der sich ebenfalls verändernde Körper mit einbezogen und respektiert wird. Geht der Wert der VO2max jedoch nur aufwärts, ist die Chance gross, dass dahinter eine Berechnung steht, die in erster Linie das gute Gefühl einer vermeintlichen Steigerung bedienen will, nicht zwingend die Gesundheit der Userinnen und User.

Faktor 2: Die Methode der Bestimmung

Hier haben wir einmal mehr zwei grundlegende Unterschiede: wir können messen – oder rechnen. In einem Labor, in dem mit Spiroergometrie gearbeitet wird, kann man davon ausgehen, dass die ermittelten Werte tatsächlich das widerspiegeln, was zum Testzeitpunkt im Körper vor sich geht.

Fehlt das Labor, wird berechnet, was sofort bedeutet, dass die Genauigkeit zum einen davon abhängig ist, wie zuverlässig die Randdaten sind, die in die Formeln fliessen. Zum anderen aber auch von der zur Verfügung stehenden Referenzgruppe. Und hier tauchen Dinge auf, die für einmal allgemein sehr für einige Wearables sprechen.

Hier zeigt sich die Kraft der Masse: da die meisten, die eine Sportuhr, ein Band oder eine Smartwatch tragen, keine Profisportlerinnen und -Sportler sind, ist die Referenzgruppe fast identisch mit der Zielgruppe. Sprich: Gerade im Breiten- und Gesundheitssport kommt es vor, dass die von den Wearables berechneten Werte oft fast identisch sind mit jenen, die man in einem Labor misst. Gleichzeitig finden sich bei Spitzenathletinnen und -Athleten hier teils sehr grosse Abweichungen – in beide Richtungen. Wie gross, hat eine Laborstudie mit 35 Ausdauerathletinnen und -athleten beziffert: bei moderat Trainierten lag die getestete Uhr rund 3 bis 4 % neben dem Laborwert, oberhalb von 60 ml/min/kg waren es 9 bis 10 % – und dort unterschätzte sie um rund 6 ml/min/kg.

Fazit: Die Situation entscheidet

Welchem Wert kann man nun trauen: dem aus dem Labor oder dem von einer App / Uhr berechneten?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten, doch es lässt sich sagen: je grösser die Benutzergruppe, desto genauer sind die Werte. In keinem Fall lässt sich jedoch berechnen, was am Ende im Körper mit dem Sauerstoff geschieht. Will man wissen, was beim Sport tatsächlich im Körper vorgeht, führt auch heute noch kein Weg an einem Labor vorbei.

#vo2max #garmin #wearables #spiroergometrie

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