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Zwei Waagen, zwei Körperfettwerte: Welchem Wert glaubst du?

Dieselben 634 Morgen, zwei Waagen, 6 bis 9 Prozentpunkte Unterschied beim Körperfett. Was die Zahlen taugen und welcher App-Schalter fast alles erklärt.

Patrick Lehmann
Patrick Lehmann
· 7 min Lesezeit
Zwei Waagen, zwei Körperfettwerte: Welchem Wert glaubst du?

Ein Nutzer im Garmin-Forum schreibt: Die Index S2 hat ihn morgens bei 23.6 % Körperfett gemessen. Drei Stunden später kam der DEXA-Scan, und der sagte 14.8 % (Original).

Fast neun Punkte daneben. Das ist kein Ausreisser, das ist ein bekanntes Muster.

Im ersten Teil ging es um das Gewicht. Dort lautete das Ergebnis: Die Waage misst richtig, der Körper schwankt. Beim Körperfett ist es anders. Dort schätzt die Waage.

Gewicht wird gemessen, Fett wird geschätzt

Eine Waage mit Elektroden schickt einen kleinen Strom durch deinen Körper und misst den Widerstand. Wasser leitet gut, Fett schlecht. Aus dem Widerstand rechnet die Waage mit einer Formel auf Körperfett, Muskeln und Wasser hoch. Der Fachbegriff ist Bioimpedanz.

Das heisst: Alles, was dein Wasser verschiebt, verschiebt auch das Körperfett. Und die Formel ist bei jeder Marke eine andere.

Wie stark, zeigt der Pokerabend aus dem ersten Teil. Für die Nacht mit +1.6 kg meldete die Withings +1.69 kg Muskeln und −0.15 kg Fett. Die Garmin meldete für dieselbe Nacht +0.39 kg Fett, +0.39 kg Muskeln und +0.96 kg Wasser. Muskeln wachsen nicht über Nacht um anderthalb Kilo. Auf Instagram hat jemand das für eine Woche so zusammengefasst: «Linda, du hast nicht zwei Kilo Muskeln in einer Woche verloren» (Original).

Eine Studie mit 106 Erwachsenen (Bosy-Westphal et al., 2008) hat vier Heimgeräte gegen DEXA und MRT gelegt. Am wenigsten wich beim Körperfettanteil das Gerät mit acht Elektroden ab, das über Hände und Füsse misst. Die Waagen, die nur über die Füsse messen, lagen deutlich weiter daneben: Bei wenig Körperfett zeigten sie zu viel, bei viel Körperfett zu wenig. Finanziert hat die Studie der Hersteller des Achtelektroden-Geräts. Meine beiden Waagen messen nur über die Füsse.

Meine zwei Waagen

Ich stelle mich seit Dezember 2024 jeden Morgen auf zwei Waagen: Withings und Garmin Index. Beide kurz nacheinander, im selben Zustand. 634 Tage mit beiden Messungen.

Beim Gewicht liegen sie praktisch gleich. Die Garmin zeigt im Mittel 0.17 kg weniger, die Streuung ist klein (±0.24 kg), die Korrelation liegt bei 0.97. Dazu kommt eine dritte Waage, eine Seca in einer Praxis. Sie zeigte im Mittel 0.42 kg weniger als die Withings (5 Messungen) und fast genau dasselbe wie die Garmin (0.02 kg mehr, 10 Messungen), obwohl ich dort zu anderen Tageszeiten stand.

Beim Körperfett nicht. Seit der Kalibrierung, zu der ich gleich komme, zeigt die Garmin im Mittel 6.2 Prozentpunkte mehr als die Withings, davor waren es 8.9. Von Tag zu Tag laufen die beiden nur lose zusammen: Die Korrelation der Tageswerte liegt seit der Kalibrierung bei 0.61, beim Gewicht im selben Zeitraum bei 0.96. Morgens, am selben Körper, im selben Moment.

Das lässt sich nicht von der Hand weisen: Im Betrag sind sich die beiden Waagen beim Körperfett nicht einig, und im Tagesverlauf nur teilweise. Woher der Abstand im Betrag kommt, zeigt ein Test weiter unten.

Gewogen wird gleich, geschätzt wird verschieden

Garmin minus Withings am selben Morgen um 06:00, ab der Kalibrierung am 20.02.2026 bis 19.10.2026.

Werte zweier Waagen nie mischen. Innerhalb einer Waage zählt die Veränderung.

Ein Eintrag, drei Punkte weniger

Bei der Garmin sah ich eine Stufe. Am 19. Februar 2026 zeigte sie 22.6 %, am 20. Februar 19.4 %. Die Withings blieb gleich (13.36 auf 13.38).

Ich hatte die Garmin kalibriert. Im Januar war ich bei einer Seca-Messung (19.4 %), und diesen Wert habe ich in der Garmin-App als Referenz hinterlegt: Garmin Connect, Geräte, Index S2, Benutzereinstellungen, «Set Body Composition» (Pfad laut Garmin-Forum). Empfohlen wird dort eine Messung, die nicht älter als 30 Tage ist, meine war 21 Tage alt. Von diesem Tag an zeigte die Waage drei Punkte weniger Körperfett.

Und nicht nur das. Die Garmin schätzte ab demselben Tag auch das Wasser anders, plus 2.4 Prozentpunkte. Ein einziger Referenzwert verschiebt also mehrere Anzeigen auf einmal.

Ein Eintrag in der App, drei Punkte weniger

Körperfett in %, 7-Tage-Mittel, 04.01.2025 bis 19.10.2026. Oben Garmin so, wie die Waage es angezeigt hat, unten um die Kalibrierung bereinigt. Seca: Einzelmessungen zu wechselnden Uhrzeiten, nicht im Morgenprotokoll.

Am 20.02.2026 bekam Garmin den Seca-Wert vom 30.01. als Referenz und zeigte ab dann 3.08 Punkte weniger. Ohne diesen Eingriff sinken beide Waagen über die ganze Zeit, Withings um 2.35, Garmin um 0.95 Punkte. Die Richtung stimmt überein, der Betrag nicht.

Rechnet man die Stufe heraus, passiert etwas Schönes. Die Korrelation der 90-Tage-Veränderungen zwischen den beiden Waagen springt von 0.27 auf 0.86. Das ist eine grobe Zahl: In meinen 21 Monaten stecken nur sieben voneinander unabhängige Quartale. Und die Bereinigung nimmt an, dass die Kalibrierung alles um denselben Betrag verschoben hat. Mit den rohen Zahlen sah es aus, als würden die Waagen nicht dasselbe messen. Ohne die Stufe zeigen sie über Monate in dieselbe Richtung.

Ein Schalter, sechs Punkte

Bleibt die Frage, woher der Abstand von sechs Punkten kommt. In der Withings-App ist bei mir der Athletenmodus eingeschaltet, in der Garmin-App das Aktivitätslevel 8. Beides sagt der Formel: Dieser Körper trainiert viel, rechne mit anderen Annahmen.

Also habe ich am 20. Oktober nachgemessen. Nüchtern, elf Wägungen in neun Minuten, abwechselnd auf beiden Waagen, dazwischen die Einstellungen umgestellt und wieder zurück. Mit Athletenmodus zeigte die Withings 12.2 bis 14.0 % Körperfett, ohne 18.6 %. Das Gewicht schwankte dabei um höchstens 0.3 kg. Ohne Athletenmodus lag die Withings nur noch 0.4 Punkte neben der Garmin. Das ist ein einziger Morgen, ohne Athletenmodus nur zwei Wägungen. Am Vorabend war ich in Sauna und Dampfbad. Alle elf Wägungen fanden im selben Zustand statt, der Vergleich der Einstellungen bleibt also gültig. Die absoluten Werte können leicht verschoben sein, nach meinen Daten um rund 0.2 Punkte (mehr dazu weiter unten).

Die Garmin blieb bei 19 %, egal ob Level 8 oder 5. Dafür sehe ich zwei Erklärungen. Vielleicht hatte die neue Einstellung die Waage noch nicht erreicht, bei der Withings kam die Umstellung auch erst eine Messung später an. Oder die Kalibrierung vom Februar übersteuert das Level.

Der Schalter erklärt also fast den ganzen Abstand zwischen meinen Waagen, und auch den zur Seca, unter der die Withings rund 6.5 Punkte lag. Welche der beiden Withings-Zahlen stimmt, sagt der Test nicht. Er zeigt nur: Ein Schalter in der App verschiebt die Körperfett-Anzeige um mehr als doppelt so viel, wie es in 21 Monaten gesunken ist.

Wenn deine Waage einen Athletenmodus oder ein Aktivitätslevel kennt: Schau nach, was eingestellt ist, und stell es nicht mitten in einer Messreihe um. Sonst siehst du eine Stufe, die dein Körper nie gemacht hat.

Richtung ja, Betrag nein

Das ist der springende Punkt. Der Betrag, also die Zahl auf dem Display, taugt nicht für den Vergleich. Weder zwischen Marken noch mit dem DEXA-Scan. Der Verlauf über Monate taugt dagegen, solange es dasselbe Gerät ist und derselbe Ablauf.

Kurz: Ein Gerät, ein Protokoll, ein Quartalstrend.

Und für die kurzen Zeiträume gilt, was schon im Gewicht galt. Nach einer Sauna oder einem Dampfbad lag mein Gewicht am nächsten Morgen auf beiden Waagen rund 0.3 kg tiefer (Median, je rund 50 Mal). Beim Körperfett sind sie sich wieder nicht einig: Die Withings zeigte 0.21 Punkte mehr, die Garmin 0.1 Punkte weniger. Weniger Wasser im Körper, der Strom läuft schlechter, und je nach Formel wird daraus mehr Fett oder eben nicht. Ich habe nicht mehr Fett. Ich habe weniger Wasser. Wie bei allen Markierungen gilt: Eine fehlende Markierung heisst «nicht erfasst», die Vergleichsbasis sind alle Morgen.

Kraft, Muskeln und die Waage

Zum Schluss die Frage, die ich selbst am häufigsten höre: Sieht man auf der Waage, ob die Muskeln wachsen? Ich habe meine Kraftsessions in 28-Tage-Blöcken gegen die Muskelmasse beider Waagen gelegt. Die Korrelation liegt bei −0.04 (Withings) und −0.28 (Garmin), bei rund 22 Blöcken je Waage. Kein brauchbares Signal.

Viel oder wenig Krafttraining: Die Muskelzahl streut gleich

Je Waage die 28-Tage-Blöcke in Dritteln nach Krafteinheiten. Werte: Veränderung der gemessenen Muskelmasse zum nächsten Block.

Kein Zusammenhang sichtbar heisst nicht, dass Krafttraining keine Muskeln aufbaut. Fortschritt zeigt sich zuverlässiger an Leistung, Umfang oder Fotos. Was «Muskelmasse» bei den beiden Waagen bedeutet, zeigt die Grafik «Gewogen wird gleich, geschätzt wird verschieden».

Was ich daraus nicht schliessen kann: ob die Waagen Muskelaufbau nicht sehen oder ob ich im Kaloriendefizit schlicht kaum Muskeln aufgebaut habe. Dazu kommt, dass die Blöcke mit viel Krafttraining alle aus 2025 stammen, die mit wenig eher aus 2026. Sicher ist nur: Wer Muskelaufbau sehen will, findet ihn in meinen Daten nicht auf der Waage. Die Schwankungen durch Wasser sind grösser als alles, was ein paar Wochen Training bewegen könnten.

Mein Protokoll ab jetzt

Beim Gewicht schaue ich auf beide Waagen, sie sind sich einig. Beim Körperfett schaue ich nur noch auf den Quartalstrend einer einzigen Waage. Die Zahl auf dem Display vergleiche ich mit nichts mehr, weder mit der anderen Waage noch mit einem Scan.

Die Einstellungen lasse ich, wie sie sind. Ein Athletenmodus, der den Wert um sechs Punkte verschiebt, ist kein Problem, solange er immer an ist. Zum Problem wird er erst, wenn man ihn mitten in einer Messreihe umstellt. Dasselbe gilt für die Kalibrierung: Sie hat die Garmin an die Seca herangeführt und in meiner Kurve eine Stufe hinterlassen, die ich seither herausrechnen muss.

Wenn du den Körperfettwert deiner Waage anschaust: Merk dir, dass es eine Schätzung ist. Beobachte den Verlauf über Monate, nicht den Morgen. Und wenn du irgendwo einen Referenzwert eingibst, schreib das Datum auf. Du wirst in einem halben Jahr sonst nicht mehr wissen, warum die Kurve einen Knick hat.

Quellen

  1. Accuracy of Bioelectrical Impedance Consumer Devices for Measurement of Body Composition in Comparison to Whole Body Magnetic Resonance Imaging and Dual X-Ray Absorptiometry – Obesity Facts, 2008
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