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Garmin, Oura, Apple Health: Drei Zahlen für dieselbe Nacht

Uhr, Ring und Apple Health zeigen dir für dieselbe Nacht drei verschiedene HRV-Werte. Warum das so ist und wie du trotzdem eine brauchbare Zahl hast.

Patrick Lehmann
Patrick Lehmann
· 5 min Lesezeit
Garmin, Oura, Apple Health: Drei Zahlen für dieselbe Nacht

Folgende Situation: Man wacht auf, greift zum Handy und öffnet drei Apps. Garmin meldet eine HRV, die nach Ruhetag aussieht. Oura zeigt einen Wert, der nach Intervalltraining ruft. Und in Apple Health steht eine dritte Zahl, die mit den beiden anderen wenig zu tun hat.

Gleiche Nacht. Gleicher Körper.

Welche Zahl stimmt?

In Foren wird diese Frage meistens mit einem Gerätetipp beantwortet. Ich glaube, sie ist falsch gestellt. Die drei Geräte messen nämlich gar nicht dasselbe. Sie unterscheiden sich in vier Dingen: im Sensor, im Zeitfenster, in der Formel und darin, ob sie die ganze Nacht anschauen oder nur einen Moment davon.

Finger, Handgelenk, Brust

Uhr und Ring messen optisch. Grünes Licht scheint in die Haut, ein Sensor misst, wie viel davon zurückkommt. Mit jedem Herzschlag schiebt sich etwas mehr Blut durch die Gefässe, das Signal schwankt im Takt. Ein Brustgurt misst dagegen das elektrische Signal des Herzens selbst.

Für den Puls ist das fast egal. Für die HRV nicht. Die HRV beschreibt, wie stark die Abstände zwischen einzelnen Herzschlägen schwanken, und die bewegen sich im Bereich von Millisekunden. Das elektrische Signal hat einen scharfen Zacken. Die Pulswelle am Handgelenk ist ein weicher Hügel, und wo genau dessen Spitze liegt, muss der Algorithmus schätzen.

Wie gross der Unterschied in der Praxis ist, haben Dial und Kollegen 2025 untersucht. 13 Erwachsene trugen während 536 Nächten gleichzeitig einen Polar-H10-Brustgurt als Referenz und mehrere Wearables. Die mittlere prozentuale Abweichung der nächtlichen HRV:

  • Oura Gen 4: 5.96 %
  • Oura Gen 3: 7.15 %
  • WHOOP 4.0: 8.17 %
  • Garmin Fenix 6: 10.52 %
  • Polar Grit X Pro: 16.32 %

Was mich daran überrascht hat: Der Ring am Finger lag näher an der Referenz als jedes Gerät am Handgelenk. Dreizehn Personen sind wenig, und die Autoren schreiben selbst, dass Hersteller ihre Algorithmen laufend ändern und solche Vergleiche wiederholt werden müssen. Die Rangliste ist also eine Momentaufnahme. Dass die Geräte systematisch auseinanderliegen, ist es nicht.

Welche Minuten zählen

Selbst mit einem perfekten Sensor kämen nicht dieselben Zahlen heraus. Jedes Gerät rechnet nämlich über ein anderes Stück der Nacht. Laut derselben Studie:

  • Oura misst in 5-Minuten-Abschnitten und mittelt über die ganze Nacht.
  • Garmin misst ebenfalls in 5-Minuten-Fenstern, mittelt aber über den Schlaf, den die Uhr selbst erkennt.
  • Polar nimmt nur die ersten vier Stunden nach dem Einschlafen.
  • WHOOP beschreibt seinen Wert als dynamischen Durchschnitt, der die letzte Tiefschlafphase stärker gewichtet. Wie genau, ist nicht öffentlich.

Die HRV bleibt aber nicht die ganze Nacht gleich. Wer nur die ersten vier Stunden anschaut, bekommt eine andere Zahl als jemand, der bis zum Wecker mittelt. Beide haben richtig gerechnet.

Beim Ruhepuls ist es noch kurioser. Garmin definiert ihn als den tiefsten 30-Minuten-Durchschnitt innerhalb von 24 Stunden, sagt aber nicht, wann dieses Fenster lag. Die Forschenden konnten den Garmin-Ruhepuls deshalb gar nicht mit der Referenz vergleichen und haben ihn aus der Auswertung genommen. Ein Wert ohne Zeitstempel lässt sich schlicht nicht überprüfen.

SDNN ist nicht RMSSD

Jetzt wird es technisch, aber das ist der springende Punkt. Garmin, Oura, WHOOP und Polar geben die HRV als RMSSD aus. Apple Health speichert sie als SDNN. Beides sind Masse für die Schwankung der Herzschlag-Abstände, aber sie rechnen verschieden.

Ganz einfach ausgedrückt: RMSSD schaut, wie stark sich zwei aufeinanderfolgende Abstände unterscheiden. SDNN schaut, wie stark alle Abstände um ihren Mittelwert streuen. Die Formeln selbst lassen wir hier aussen vor, für den Vergleich reicht der Unterschied im Prinzip. Laut der Übersichtsarbeit von Shaffer und Ginsberg (2017) wird RMSSD stärker vom Parasympathikus beeinflusst, dem «Ruhenerv», während in SDNN beide Teile des vegetativen Nervensystems stecken. Die Autoren warnen ausserdem ausdrücklich davor, Werte aus 24 Stunden, aus 5 Minuten und aus noch kürzeren Messungen gegeneinander auszutauschen, selbst wenn dieselbe Formel dahintersteht.

Wer also die SDNN aus Apple Health neben die RMSSD aus Oura legt, vergleicht Äpfel mit Birnen. Dass die Zahlen nicht zusammenpassen, ist dann kein Messfehler. Es ist zu erwarten.

…und die Apple Watch misst nur Momente

Ring und Garmin-Uhr fassen die Nacht zu einem Wert zusammen. Die Apple Watch liefert ihre HRV dagegen als einzelne kurze Messungen, die über den Tag verteilt entstehen. Ein Wert um 3 Uhr nachts und einer kurz nach dem Kaffee landen in derselben Liste.

O’Grady und Kollegen haben 2024 die Apple Watch Series 9 und Ultra 2 mit 39 Erwachsenen über 14 Tage getestet, wieder gegen einen Polar-H10-Brustgurt. Beim Ruhepuls lag die Uhr im Mittel nur 0.08 Schläge pro Minute daneben. Bei der HRV unterschätzte sie den Wert im Mittel um 8.31 ms, die mittlere prozentuale Abweichung lag bei 28.88 %.

Das Muster kennt man inzwischen: Der Puls ist robust, die HRV ist empfindlich. Für den Ruhepuls kann man dem Handgelenk vertrauen. Für die HRV muss man genauer hinschauen.

Beim Schlaf ist es übrigens ähnlich. Chinoy und Kollegen haben 2021 sieben Schlaf-Tracker mit 34 Erwachsenen gegen eine Messung im Schlaflabor gelegt. Ob jemand schläft oder wach ist, erkannten die meisten Geräte ordentlich, die beiden Garmin-Modelle schnitten dabei schlechter ab. Bei den Schlafphasen kamen die Geräte zu uneinheitlichen Ergebnissen. Wenn also zwei Geräte für dieselbe Nacht verschieden viel Tiefschlaf melden, ist das genau das, was man nach dieser Studie erwarten würde.

Was man damit anfängt

Davon kann man halten, was man will, aber das Problem verschwindet nicht mit dem nächsten Gerätekauf. Es verschwindet, wenn man aufhört, die Zahlen gegeneinander auszuspielen.

  • Eine Quelle pro Metrik. Entscheide dich für jeden Wert für ein Gerät und bleib dabei. HRV vom Gerät, das du jede Nacht trägst. Ruhepuls darf durchaus von einem anderen kommen.
  • Verlauf statt Betrag. Die absolute Zahl hängt vom Gerät ab. Ob sie seit einer Woche unter deinem eigenen Durchschnitt liegt, sagt etwas über dich. Ein Tageswert allein sagt wenig.
  • Gerätewechsel markieren. Wer von der Uhr auf den Ring wechselt, sieht in der Kurve eine Stufe. Die hat sein Körper nicht gemacht.
  • Apple-Health-HRV nicht mit den anderen mischen. SDNN und RMSSD gehören in getrennte Kurven.

Wer die beiden Waagen-Beiträge gelesen hat, kennt das Muster. Bei Gewicht und Tagesrauschen und beim Körperfett auf zwei Waagen kam dieselbe Regel heraus: ein Gerät, ein Ablauf, der Trend über Wochen.

Deine Geräte widersprechen sich. obseed sagt dir, warum.

Mit diesem Satz haben wir am 21. Oktober obseed 2.0 für iPhone und iPad veröffentlicht. Das «warum» steht in diesem Beitrag. Die App sorgt dafür, dass du danach handeln kannst.

obseed führt Garmin, Oura, Apple Health und weitere Quellen zusammen. In der App legst du pro Messwert fest, welche Quelle Vorrang hat, und siehst bei jedem Anbieter, bis zu welchem Datum seine Daten reichen. Die Regel «eine Quelle pro Metrik» ist dann keine Disziplinfrage mehr, sondern eine Einstellung.

Der Apple-Health-Sync läuft neu über eine Warteschlange, die Unterbrechungen übersteht. Im Profil siehst du den Sync-Status und jeden einzelnen Versuch, und mit einem Tipp startest du den Sync von Hand. Wenn eine Zahl fehlt, siehst du also, ob sie nie angekommen ist oder ob der Sync gerade hängt.

Für den Blick auf den Verlauf gibt es den Gesundheitsbericht und die Wochenzusammenfassung direkt in der App, den Bericht auch als PDF zum Teilen. Dazu kommen ein geführter täglicher Check-in, ein Wochenrückblick und der Feed mit Insights.

Einen Brustgurt macht obseed aus einem Sensor am Handgelenk nicht. Welches Gerät deine HRV liefert, entscheidest du. obseed hält sich dann konsequent daran.

obseed im App Store laden

Eine Frage lässt mich seither nicht los: Wie weit liegen die Werte derselben Nacht auseinander, wenn jemand zwei Geräte gleichzeitig trägt, und bleibt der Abstand über Monate gleich? Falls ja, wäre er eine Art persönlicher Umrechnungsfaktor. Falls nein, wird es erst richtig spannend.

Quellen

  1. Validation of nocturnal resting heart rate and heart rate variability in consumer wearables – Physiological Reports, 2025
  2. An Overview of Heart Rate Variability Metrics and Norms – Frontiers in Public Health, 2017
  3. The Validity of Apple Watch Series 9 and Ultra 2 for Serial Measurements of Heart Rate Variability and Resting Heart Rate – Sensors, 2024
  4. Performance of seven consumer sleep-tracking devices compared with polysomnography – Sleep, 2021
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